Die 10 Regeln

Meldung N-TV vom 29.08.2005: Für Jahreskarte von Bus & Bahn: 30.000 Flamen geben Autos ab

Fast 30.000 Familien in Flandern haben ihr Auto gegen eine Jahreskarte für Bus und Bahn getauscht. Nur rund 800 von ihnen hätten sich später wieder ein Auto angeschafft, berichtete die belgische Zeitung "De Morgen" aus Brüssel. Die flämische Verkehrsgesellschaft De Lijn, die den Tausch seit Oktober 2002 anbietet, bewertete dies als fantastischen Erfolg. In diesem Jahr seien so schon 11000 flämische Familien vom Auto auf Busse und Straßenbahnen umgestiegen. Wer seinen Zweitwagen abmeldet, bekommt ein drei Jahre gültiges Einzel-Abonnement. Wer auf das einzige Auto verzichtet, erhält Buskarten für die ganze Familie.

Im Jahre 1998 befasste sich der Autor Edward De Bono mit dem Thema "Simplicity". Im Gegensatz zu vielen anderen, vor allem deutschen Autoren, beschränkte sich der "Kreativitätsexperte" De Bono nicht auf das Abschreiben der vorhandenen Literatur, sondern machte sich seine eigenen Gedanken. In dem Buch "Simplicity", das leider nicht in's Deutsche übersetzt wurde, gibt er interessante Anregungen zur praktischen Umsetzung des Simple Living. Nachfolgend werden die 10 Regeln am Beispiel Familie & Auto vorgestellt:

1. Einfachheit sollte einen hohen Stellenwert besitzen
Einfachheit ist, wenn man es als Lebensprinzip ernst nimmt, nicht mit dem Lesen eines Buches und dem gelegentlichen Hinnehmen von Möglichkeiten zur Vereinfachung erledigt. Genauso wenig, wie das Entrümpeln als einmaliger Vorgang dauerhaft Ordnung schafft. Oder weniger Autofahren nicht das Gleiche ist, wie das Auto vollständig abzuschaffen.

2. Treffen Sie für sich die Entscheidung, nach Einfachheit zu forschen
Welche Möglichkeiten bestehen, das Dilemma Mobilität vs. Einfachheit aufzulösen? Am besten, ohne Streit vom Zaun zu brechen und trotzdem den Bedürfnissen jedes Einzelnen in der Familie gerecht zu werden? Wenn man forscht, stößt man auf zahlreiche Alternativen zum individuellen Kfz., z.B. Radfahren, Laufen, Busse + Bahnen, Stadtteilauto (!)... Ein wenig gemeinsames Nachdenken in der Familie und eine grundsätzliche Wertediskussion kann das Suchen nach Alternativen zum Spaß werden lassen. Warum nicht in der Familie einen Preis für die besten Forschungsergebnisse aussetzen? Warum nicht die Entscheidungen für oder gegen bestimmte Lösungen demokratisch treffen?

3. Es muss klar sein, was Einfachheit wirklich bedeutet
Der Verzicht auf das eigene Auto löst in jedem Menschen, der daran gewöhnt ist, eine Art Fluchtreflex aus. Denn warum sollte man die bequeme Lösung aufgeben? Unbequemlichkeit bedeutet auch, über Selbstverständlichkeiten nachzudenken und sie in Frage zu stellen. Unbequem ist auch, eine Gesprächskultur zu entwickeln und konstruktiv über den richtigen Weg zu steiten. Es ist wichtig, Klarheit zu schaffen, warum Simple Living ein Plus an Lebensqualität bedeutet. Wieso weniger Autofahren die Umwelt schont und den Geldbeutel enorm entlastet.

4. Vereinfachung heisst, Alternativen und Möglichkeiten zu schaffen
Wie schon in Punkt 2 angesprochen, wird es nicht ohne kreative Prozesse laufen. Kreativität ist die Kunst, aus Bestehendem etwas völlig Neues zu gestalten. Oft gibt es nicht den "goldenen Weg", der alle Probleme auf einen Schlag löst. Es ist ratsam, weiterzudenken, wenn man einen Weg gefunden hat, ob es nicht noch einen besseren gibt. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Wenn man sich zur Teilnahme am "Stadtteilauto" entschlossen hat, bemerkt man nach weiterem Nachdenken, dass der sportlich/gesundheitliche Aspekt so wichtig ist, dass man noch mehr Strecken auch zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt. Es ist die Ausnahme, wenn die erste Idee die Beste ist.

5. Es ist nötig, immer wieder in Frage zu stellen und zu verwerfen
Natürliche Systeme haben die Tendenz, wie von selbst immer komplexer zu werden. Ein bedeutsamer Bestandteil des Simple Living ist es daher, immer wieder in Frage zu stellen und (Regel 4) nach weiteren Alternativen zu suchen. Die Herausforderung besteht darin, an sich selbst in dieser Hinsicht zu arbeiten. Wenn ich schon auf das Autofahren weitgehend verzichte und mich dadurch mehr und gesünder bewege, wie kann ich auch meine Ernährung einfacher und gesünder gestalten?

6. Bewusste Einfachheit bedeutet oft einen Neuanfang
Es ist oft am einfachsten, bestehende Strukturen zu ändern und zu vereinfachen. Manchmal ist aber auch ein kompletter Neuanfang notwendig. Wenn ich gerne (m)ein Auto abschaffen würde, dies aber nicht möglich ist, weil ich weitab auf dem Lande wohne, dann kann ich mich fragen, ob es nicht sinnvoller wäre, näher an eine Stadt heranzuziehen. Viele Menschen, die ihr Glück im Häuschen auf dem Lande gemacht zu haben scheinen, wird schnell bewusst, dass mit dem Ausblick in die Landschaft und guter Luft auch gravierende Nachteile verbunden sind, wie lange Fahrtzeiten und weite Wege.

7. Messen Sie Prinzipien einen größeren Wert bei, als Details
Oft ist die Versuchung groß, sich in Details zu verrennen, wenn de ersten kleinen Erfolge da sind. Effektiver ist es grundsätzlich, sich auf die Prinzipien zu konzentrieren und nicht auf Einzelheiten.

8. Dinge in kleinere Einheiten aufbrechen
Dieses Vorgehen stellt eine klassische Problemlösungstechnik dar. Durch Analyse gewinnt man Einsichten in Probleme, die einem bei der Sicht auf das große Ganze verborgen bleiben. Wenn zum Beispiel der tägliche Einkauf mit dem PKW entfällt, wie kann die Versorgung trotzdem sichergestellt werden? Zum Beispiel in dem man analysiert, was wann während der Woche gebraucht wird und die großen, schweren und nicht-frischen Dinge an einem Tag mit dem Stadtteilauto beschafft und die frische Ware täglich mit dem ÖPNV-Bus oder zu Fuß (oder im eigenen Garten?) bewältigt wird. Das spart zusätzlich auch noch Kosten und erlaubt durch die notwendige Planung ein viel bewussteres Konsumieren.

9. Sie sollten der Einfachheit mitunter größeren Wert beimessen, als anderen Werten
Der Weg des Simple Living bedeutet, sich täglich immer wieder damit auseinanderzusetzen, was wirklich notwendig ist und was nicht. Dabei wird es zwangsläufig zu Konflikten mit anderen Werten kommen. Das Simple Living stellt den Besitz von Autos in Frage, vor allem dann, wenn mehr als eins in der Familie vorhanden ist oder das Auto mehr als ein Fortbewegungsmittel darstellt. Mobilität und Unabhängigkeit des Individuums sind Werte, die scheinbar gegen Vereinfachung sprechen.

10. Behalten Sie im Auge, zu wessen Nutzen Sie vereinfachen
Stellen Sie sich immer die Frage: Wer profitiert eigentlich vom Simple Living? Wenn Ihr Geldbeutel durch das Abschaffen eines Autos entlastet wird aber der Rest der Familie vor scheinbar unlösbare Probleme gestellt wird, ist der nachhaltige Nutzen der Methode nur gering. Wenn alle etwas von den Maßnahmen haben (und das kann sich durchaus auf den ideellen Bereich beschränken), ist die Akzeptanz größer und der positive Effekt zieht sich durch das ganze Familienleben.

Edward de Bono gilt seit Jahrzehnten als der Spezialist für Kreativitätstechniken und viele seiner Bücher sind revolutionär in diesem Bereich gewesen. Kreativität ist offensichtlich auch das treibende Element zu den beschriebenen 10 Regeln gewesen. Über das Simple Living hinaus sind diese Regeln also eine Aufforderung, kreativ tätig zu sein. Zur Unterstützung dieses Prozesses finden Sie in unserer Literaturliste einige Empfehlungen zum Thema Kreativität.

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